• HD+ oder: Für wie blöd halten Privatsender ihre Kunden wirklich?
vom: 12.05.2010 17:55


Die Sendergruppen RTL und Pro7/Sat1 haben die Ausstrahlung in HDTV begonnen, und sie tun dies zumindest bei Filmen nach ersten Berichten auch in einer sehr guten Bildqualität. Die meisten übrigen Sendungen werden nur hochgerechnet und bieten praktisch keinen Vorteil gegenüber dem Fernsehen in Standardauflösung. Allerdings haben die Sender beschlossen, die hochauflösenden Versionen ihrer Programme zu verschlüsseln - dies ist ihr gutes Recht. Sie benutzen dazu aber nicht bewährte Technik, wie sie beispielsweise Sky seit Jahren einsetzt, sondern sie tun alles, um den Zuschauer so weit wie möglich einzuschränken. Dazu haben sie sich die Begriffe `HD+` bzw. `CI+` ausgedacht, um dem Kunden vorzugaukeln, er würde hier mehr bekommen als woanders. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Normalerweise funktioniert der Empfang von verschlüsselten Sendungen so: Man benötigt ein kleines Modul namens CAM, welches in den Empfänger gesteckt wird, und dort hinein kommt dann eine Smartcard des Anbieters. Ist beides vorhanden und die Karte freigeschaltet, dann kann man fernsehen. Die deutschen Privatsender verlangen jedoch die Benutzung eines CAM, welches nicht dem Standard entspricht; man kocht mal wieder sein eigenes Süppchen. Diesen speziellen CAMs gab man den sinnlosen Namen `CI+`, und solche CAMs funktionieren nur in Geräten, die dem CI+-Standard entsprechen (der übrigens keiner ist, sondern eine willkürliche Erfindung des Satelliten-Betreibers ASTRA).

Die CI+-kompatiblen Geräte erlauben es dem CAM, Einfluss auf die Funktionsweise des Gerätes zu nehmen. Im Fall von HD+ bedeutet dies, dass das Aufnehmen von Sendungen komplett verboten wird. Außerdem ist ein Anhalten des laufenden Programms (Timeshifting) nur für maximal 90 Minuten zulässig. Ein Vorspulen während des Timeshifting ist ebenfalls verboten. Und dann nimmt sich die Betreiberfirma noch heraus, andere nicht CI+-kompatible CAM-Module auf eine schwarze Liste zu setzen, damit sie nicht verwendet werden können. Außerdem kann das CI+-Modul dafür sorgen, dass die Senderliste um die hochauflösenden Programme ergänzt wird, und die gleichnamigen Programme in Standard-Auflösung aus der Senderliste dauerhaft herausfliegen.

Der Kunde hat nur Nachteile. Er muss jährlich 50 Euro an den Satellitenbetreiber ASTRA abdrücken, damit er die Sender überhaupt empfangen darf. Als Gegenleistung darf er die HD-Inhalte genau so sehen, wie es den Sendern beliebt. Also nicht aufnehmen, nicht archivieren, nicht länger als 90 Minuten pausieren, und beim Timeshifting nicht vorspulen.

Ziel der Sender ist es natürlich, dass die Werbeblöcke nicht übersprungen werden können, und eine Weitergabe aufgenommener Sendungen unterbleibt. Einen netten Film auf Pro7 kann man also mit der neuen Technik in HD sehen, man muss allerdings auch die Werbung ertragen. Einen Film heute aufnehmen und morgen ansehen ist nicht drin, das ist verboten.

Welche grenzenlose Arroganz die Sendergruppen an den Tag legen, zeigt sich daran, dass nach Ablauf eines Jahres nicht etwa die Programme RTL HD, Pro7 HD und Co wieder durch ihre Pendants in Standardauflösung ersetzt werden. Vielmehr kommt die lapidare Meldung auf den Schirm, dass das Abo abgelaufen ist und man doch bitte verlängern möchte. Falls man dies nicht will, muss man händisch die Sender aus der Liste löschen und manuell die gleichnamigen Sender in Standard-Auflösung wieder hinzufügen. Schon hierbei dürfte ein beträchtlicher Anteil der Kundschaft schlicht überfordert sein und dann zähneknirschend die 50 Euro für das folgende Jahr berappen.

Für ältere Empfangsgeräte gibt es in den meisten Fällen keine offizielle Möglichkeit, HD+ zu empfangen. Für einige wenige ältere Geräte werden sogenannte "Legacy-Module" angeboten, die zusammen mit einem Update der Betriebssoftware die Geräte `fit` für HD+ machen sollen. Im Endeffekt werden in etwa dieselben Knebelmechanismen damit auch in den älteren Geräten eingefügt, d. h. aus einem benutzerfreundlichen Gerät wird u. U. ein benutzerfeindliches.

Um mit älteren Geräten `gängelungsfrei` das HD-Programm der Privatsender nutzen zu können, gibt es Alternativen, die sich aber in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Universelle CAM-Module wie z. B. das Modul `Unicam` erlauben es, mit einer HD+-Karte problemlos fernzusehen, wobei das Aufnehmen von Sendungen, das Timeshifting usw. möglich bleibt. Der Spaß wird allerdings recht teuer, da es die HD+-Karte nicht einzeln zu kaufen gibt: 80 Euro für ein CI+-Modul mit HD+-Karte + 100 Euro für das Unicam + 30 Euro für ein benötigtes Programmiergerät. Das ergibt über 200 Euro für wenige attraktive Kinofilme mit Werbeunterbrechungen und Blink-Werbung während der laufenden Sendung - ganz schön happig. FÜr dieses Geld kann man z. B. vier Monate lang Sky inklusive Filmpaket in HD abbonieren, und dort gibt es weder Blinkwerbung noch Werbeunterbrechungen in den Filmen.

Für neuere Geräte, die von Hause aus CI+ unterstützen, ist dieser Weg versperrt. Solche Geräte führen eine schwarze Liste von verbotenen CAM-Modulen, und diese Liste wird mit den Fernsehsignal regelmäßig aktualisiert und im Gerät gespeichert. Aus diesem Grund funktioniert z. B. das Unicam-Modul nicht in Geräten, die CI+ unterstützen, da es längst auf der schwarzen Liste gelandet ist. Besitzer von CI+-Geräten müssten also - wenn sie denn wirklich RTL und Co in HD ohne Einschränkungen empfangen wollen - in den sauren Apfel beißen und ein anderes Empfangsgerät bzw. eine Set-Top-Box kaufen, die von den Gängelungen befreit.

Die beste Alternative: Man verzichtet auf hochauflösendes RTL und Pro7 und begnügt sich mit den gleichnamigen Sendern in Standard-Auflösung. Zwar haben die Sender die Bandbreite und damit auch die Bildqualität in den letzten Wochen bereits spürbar heruntergefahren, um ihre HD-Versionen attraktiver zu machen. Zum Ansehen langt es aber allemal. Für echte Filmfreunde ist die Blink-Werbung während der Filme sowieso unterträglich, so dass man sich auch die eine oder andere BluRay-Disc für echten Filmgenuss ausleihen kann. Und alle anderen kaufen sich für die gesparten 50 Euro im Jahr lieber das ein oder andere gute Buch oder gehen gemütlich essen. Wer sich als Kunde tatsächlich auf das HD+-Spielchen der Privatsender zu deren Bedingungen einlässt, dem ist vermutlich wirklich nicht mehr zu helfen.

Was mich am meisten verwundert: Der Satellitenbetreiber ASTRA hatte in Deutschland bislang einen hervorragenden Ruf, stand sein Name doch für eine Vielzahl freier, überall mit einer kleinen Schüssel empfangbarer Programme. In den letzten Monaten hat ASTRA wegen HD+ ziemlich sicher mehr negative Presse bekommen als jemals zuvor. Auch die Sendergruppen RTL und Pro7/Sat1 haben quer durch alle Medien Prügel eingesteckt und tun dies nach wie vor. Damit dürfte die Wertschätzung seitens der Zuschauer, die mit anerkannt guten Programmen wie RTL Aktuell oder Pastewka mühsam über Jahre hinweg aufgebaut wurde, ziemlich schnell den Bach runter gehen. Denn machen wir uns nichts vor: Zu erwarten ist, dass die Privatsender spätestens 2012 mit der Abschaltung der analogen Ausstrahlung ihrer Programme auch die digitale Ausstrahlung in Standardauflösung beenden und dann nur noch gegen Bezahlung gesehen werden können. Den Konkurrenten Sky wird es freuen. Und die Zuschauer werden hoffentlich demonstrieren, wie wenig sie Bohlen, Salesch, Jauch und Raab wirklich brauchen, um glücklich zu sein...